Ein Sklave im Haus des Cicero
Marcus Tullius Tiro wurde um das Jahr 103 vor Christus geboren, vermutlich als Sklave im Haushalt der Familie Cicero. Er wuchs mit dem jungen Marcus Tullius Cicero auf, der später Anwalt, Konsul und der bedeutendste Redner Roms werden sollte. Tiro wurde sein Sekretär, sein Gedächtnis und sein engster Vertrauter. Cicero diktierte ihm Briefe, Reden und Schriften, und Tiro brachte sie in Ordnung.
Im Jahr 53 vor Christus ließ Cicero ihn frei. Aus dem Sklaven Tiro wurde der römische Bürger Marcus Tullius Tiro. Wie eng die beiden verbunden blieben, zeigen die Briefe, die Cicero ihm schrieb und die bis heute erhalten sind: Als Tiro auf einer Reise krank wurde, schrieb ihm Cicero fast täglich, sorgte sich um Arzt und Diät und bat ihn, sich zu schonen.
„Deine Dienste für mich sind unzählbar: im Haus, auf dem Forum, in Rom, in der Provinz, in privaten und öffentlichen Angelegenheiten, in meinen Studien und Schriften.“Cicero an Tiro, Briefe an die Freunde, 16. Buch (sinngemäß übertragen)
Die Erfindung: schreiben, so schnell wie gesprochen wird
Ciceros Reden waren lang und schnell, und niemand konnte sie in gewöhnlichen Buchstaben mitschreiben. Tiro entwickelte dafür ein System aus Kürzeln: ein Zeichen für ein ganzes Wort, ein Zeichen für eine Silbe, ein Strich für eine Endung. Die Antike schreibt ihm die Erfindung dieser „notae Tironianae“ zu, der tironischen Noten. Es war die erste Kurzschrift Europas.
Der Geschichtsschreiber Plutarch berichtet, Cicero habe im Jahr 63 vor Christus während der Senatsdebatte über die Verschwörung des Catilina Schreiber mit solchen Zeichen im Saal verteilt. So wurde die Rede des jüngeren Cato aufgezeichnet, die erste Rede der römischen Geschichte, die mitstenografiert wurde.
Das System wuchs weiter. Spätere Autoren erweiterten es, nach antiken Angaben auf etwa fünftausend Zeichen, im Mittelalter auf über zehntausend. Mönche in den Klöstern lernten die Noten wie eine zweite Schrift. Und ein einziges Zeichen hat bis heute überlebt: das tironische ⁊ für „et“, „und“. In Irland steht es noch auf Verkehrsschildern.
Was von Tiro bleibt
Nach Ciceros Ermordung im Jahr 43 vor Christus sammelte Tiro die Briefe und Reden seines Freundes, ordnete sie und gab sie heraus. Dass wir Cicero heute lesen können, verdanken wir zu einem großen Teil ihm. Er schrieb auch eine Biografie Ciceros, die verloren ist, und lebte der Überlieferung nach fast hundert Jahre, bis etwa 4 vor Christus.
- um 103 v. Chr.Geburt, Sklave im Haus der Familie Cicero
- 63 v. Chr.Senatsdebatte über Catilina: erste mit Kurzschrift aufgezeichnete Rede Roms
- 53 v. Chr.Freilassung durch Cicero
- 43 v. Chr.Ciceros Tod; Tiro ordnet und veröffentlicht sein Werk
- um 4 v. Chr.Tiro stirbt, fast hundertjährig
- bis heuteDas tironische ⁊ („und“) lebt in Irland weiter
Von Tiro zu Autiro
Was Tiro für Cicero war, soll Autiro für Ärztinnen, Ärzte und Pflegekräfte sein: jemand, der zuhört, mitschreibt und ordnet, damit die Person, um die es geht, sprechen und arbeiten kann. Cicero musste sich nicht um die Aufzeichnung kümmern. Er sprach, und am Ende lag ein fertiges Dokument vor, das die Rede überdauerte.
Zweitausend Jahre später ist das Problem dasselbe. Ein Gespräch in der Sprechstunde, eine Visite, ein Diktat nach der Operation: Das Wissen entsteht beim Sprechen, aber die Dokumentation entsteht beim Tippen, oft Stunden später, am Ende eines langen Tages. Autiro schließt diese Lücke. Die Anwendung hört zu, schreibt mit und setzt daraus den Arztbrief, den OP-Bericht oder den Pflegebericht zusammen, in der Gliederung der Abteilung, mit den richtigen Fachbegriffen und ohne etwas hinzuzuerfinden.
Der Name ist eine Verbeugung vor dem Mann, der als Erster bewiesen hat, dass man das Sprechen einholen kann. Auto für das, was von selbst geschieht, Tiro für den, der es zuerst konnte.